Geschichte der Russlanddeutschen

8 Kulturarchiv

8.2.5 Schicksalswege — Erinnerungen

8.2.5.3.1 Maria und Heinrich Wagner

ehepaar wagner
Maria W.: Kennen gelernt haben wir uns 1945 in Bakaruka in der Trudarmee. Das Frauenlager, in dem ich seit 1943 war, wurde mit Kriegsende in die unmittelbare Nähe des Männerlagers verlegt. Heinrich war dort seit Februar 1942. Zu diesem Zeitpunkt war das Regime nicht mehr so streng. Was früher ausgeschlossen war, wurde nun möglich. Zwischen den Männern und Frauen kam es zu Kontakten. Liebeleien und Liebe blieben natürlich nicht aus. Eines Tages trafen wir junge Männer, die zum Flößen der Holzstämme eingesetzt waren. So sind wir uns beide begegnet. Mir gefiel Heinrich sofort, der große, gut gewachsene und hübsche junge Mann. Er hatte so etwas Selbstsicheres und Überlegenes. Zugleich war er freundlich und sanft, still und kein bisschen überheblich wie manche andere. Es hat ziemlich schnell zwischen uns gefunkt. Unsere bis dahin getrennten Wege führten zum gemeinsamen Weg, den wir beide nun schon 55 Jahre gehen.

Heinrich W.: Mein Lebensweg begann im Dorf Köppental in der Deutschen Wolgarepublik. Dort wurde ich 1924 geboren. Das Dorf war nicht groß, knapp 30 Höfe, nicht mehr. Mutter hatte bei reichen Bauern gedient. Vater, von Beruf Schuhmacher, war aus der Omsker Gegend dorthin gekommen. Nach der Heirat bauten die Eltern sich ein kleines Haus und betrieben ein bisschen Landwirtschaft. Wir hatten ein Pferd, eine Kuh, ein paar Schweine, Schafe und Federvieh. Vater schusterte nebenbei noch. Das war notwendig, um uns durchzubringen. Die Familie war schnell gewachsen. Außer mir befanden sich noch drei Brüder und zwei Schwestern im Haus. Der Boden war nicht allzu fruchtbar. Die Ernten fielen meist mäßig aus. Besser hatten es die Großbauern. Ihre Erträge erlaubten ihnen einen recht ansehnlichen Wohlstand.

An bestimmte Dinge aus der Kinder- und Jugendzeit erinnere ich mich noch sehr genau. Es war noch vor 1929, bevor der Kolchos gegründet wurde. Ins Dorf kam eine Abteilung von Polizisten und Soldaten. Ich stand am Küchenfenster auf einem Hocker und schaute hinaus.

Die Männer mit Gewehren gingen von Haus zu Haus und von Hof zu Hof. So viele Fremde hatte ich im Dorf noch nicht gesehen. Sie suchten nach Getreide, Mehl und Kartoffeln. Auch auf den Feldern spürten sie Verstecke auf. Das Gefundene nahmen sie mit. Man erzählte, dass die Leute in den Städten nicht genug zum Essen hätten und besonders die reicheren Bauern zu wenig von der Ernte abliefern würden.

Auch von der Kollektivierung der Landwirtschaft habe ich schon einiges mitbekommen. Es wurde im Dorf viel darüber gesprochen. Es gab unterschiedliche Meinungen. Die ärmeren Bauern hatten weniger Bedenken. Vor allem die Bauern auf den größeren Höfen sträubten sich, in die Kolchose einzutreten. Ich erinnere mich noch an den Tag, als unser Pferd und unsere Kuh in den Stall der Kolchose gebracht wurden. Die Leute arbeiteten nun in Brigaden in den Gemeinschaftsställen und auf den nun großen Feldern. Als ich dann schon älter war, ab der fünften Klasse, mussten wir in jedem Jahr von der Schule aus beim Einbringen der Ernte helfen, vor allem beim Aufsammeln von Kartoffeln. Zuweilen sammelten wir auch Ähren, die auf den Boden gefallen waren und beim Mähen und Binden des Getreides nicht erfasst wurden.

Interessant wurde es für mich und die anderen Jungs, als so um 1933/34 die ersten Traktoren und Raupenschlepper ins Dorf kamen. Im Nachbarort wurde eine MTS, eine Maschinen-Traktoren-Station, eingerichtet. Von da aus wurden die Schlepper zu den Arbeiten in die einzelnen Kolchosen der Umgebung geschickt. Wir hielten uns da oft auf. Wir kletterten auf den abgestellten Maschinen herum, setzen uns hinters Lenkrad und taten so, als ob wir die Trecker und Raupen richtig lenken würden. Es roch angenehm nach Diesel und Öl. Besonders groß war für mich die Freude immer dann, wenn mich ein Traktorist ein Stückchen mitnahm und ich das Geräusch und die Bewegung des Traktors körpernah spüren konnte. Damals wurde bei mir der Wunsch geboren, Mechaniker für Traktoren und Landmaschinen zu werden.

Doch es gibt aus dieser Zeit auch eine weniger angenehme Erinnerung. Es war wohl 1933. Ich war damals so knapp zehn Jahre alt. Es gab eine Missernte. Die Leute in der Stadt hungerten. Viele kamen auch zu uns ins Dorf auf der Suche nach etwas Essbarem. Einige waren schon so geschwächt, dass sie am Straßenrand starben. Damals habe ich zum ersten Mal Tote gesehen.

Nach dem Ende der Schulzeit 1940 - wir waren damals schon nach Morgentau, einem größeren und zentraleren Ort, umgezogen - ging ich nach Marxstadt aufs Technikum. Ich wollte meinen Wunsch, Mechaniker für Traktoren und Landmaschinen zu werden, verwirklichen. Ich wohnte dort im Internat.

ausweis familie wagner    ausweis familie wagner

Doch die Freude war nur kurz. Nach einem halben Jahr wurde plötzlich kein Stipendium mehr gezahlt. Ich weiß nicht warum. Es gab einfach kein Geld mehr. Ohne Stipendium konnte ich nicht bleiben. Vater war es nicht möglich, das Geld für das Internat und meinen Unterhalt selbst aufzubringen. Ich musste das Technikum verlassen und zu meinen Eltern ins Dorf zurückkehren. Im Herbst 1940 habe ich dann in Morgentau mit der Lehre als Traktorist begonnen.

In der zweiten Augusthälfte 1941 - wir waren fast mit der Getreideernte fertig - erreichte uns der Ukas, der Erlass von der Regierung aus Moskau, dass wir und alle Deutschen in der Wolgarepublik nach Osten, nach Sibirien und nach Kasachstan umzusiedeln seien. Der Krieg, die näher kommende Front und die Sicherheit für die deutsche Bevölkerung an der Wolga würden dies erforderlich machen. Bis zur Deportation standen uns drei Tage zur Verfügung. Drei Tage, und keine Stunde mehr.

Tagsüber arbeiteten wir auf dem Platz, wo die Ernte gelagert wurde. Wir häuften das Getreide zu Wällen von einem Meter Höhe auf und deckten es mit Stroh ab. Am Abend zu Hause schlachteten wir ein Schwein und ein Schaf. Das Frischgeschlachtete, ein wenig Hausgerät und Kleidung - das waren die einzigen Dinge, die wir mitnehmen durften und konnten. Wir wurden mit unserer kärglichen Habe auf Fuhrwerken zum Bahnhof gebracht. Von da an begann die militärische Bewachung. Trotz unseres Aufgewühltseins und der großen Menschenmassen, die dort zusammenkamen, verlief der Abtransport geordnet. Es gab keine chaotischen Zustände. Uns wurden in den Waggons die Pritschen und der Platz zugewiesen, wo wir unsere Sachen lagern konnten.

Wir erfuhren, dass der Transport mit uns nach Kasachstan gehe. Wir waren etwa eine Woche unterwegs. Der Zug machte regelmäßig auf Bahnhöfen Halt. Dort standen Gulaschkanonen, wir bekamen ausreichend und meistens auch warmes Essen. Am Bestimmungsort in Kasachstan angekommen, standen die Leute mit Fuhrwerken bereit, denen wir zugeteilt wurden. Meine Familie kam nach Sjemjonowka in ein nur von Deutschen bewohntes Dorf. Wir hatten es gut getroffen. Die Leute nahmen uns freundlich auf. In Kasachstan ist die Getreideernte später als an der Wolga. Die Leute in Sjemjonowka begannen gerade erst mit der Ernte. Wir machten uns gleich mit an die Arbeit. Damals ging alles so furchtbar schnell. Wir wussten gar nicht, was mit uns geschah. Erst nach und nach wurde uns die Bedeutung dessen bewusst, was geschehen und unabänderlich war.

Maria W.: Meine Kindheit und Jugend verlief doch etwas anders als die von Heinrich. Ich wurde 1922 nicht auf der rechten Seite, der so genannten Wiesenseite, sondern auf der linken Seite, der Bergseite, des Wolgagebietes in dem großen Dorf Norka geboren. Doch das ist nur ein kleiner Unterschied. Viel bedeutsamer ist, dass meine Großeltern und meine Eltern Großbauern waren. Zu unserem Hof gehörten etwa 120 ha Land. Dieses bewirtschafteten die Großeltern mit ihren sechs Söhnen, einer Magd und einem Knecht. Wir hatten viel Vieh, vor allem eine Menge Milchkühe, Schweine und Pferde. Unser Hof war sehr groß, das schöne und geräumige Steinhaus, die Ställe, die Scheunen und die Gebäude, die zur Lagerung des Getreides dienten. Ich erinnere mich noch deutlich daran, dass ich immer gern mit der Kutsche mitgefahren bin. Der Gang der Pferde, das Knirschen der Wagenräder im Straßensand und die langsam vorbeifließende Landschaft - all das gefiel mir. Ich wollte keine Ausfahrt auslassen.

Das gewohnte Leben änderte sich abrupt, als 1930 die Kollektivierung in der Landwirtschaft auch unser Dorf erreichte. Ich war damals acht Jahre alt. Die Ereignisse überschlugen sich für uns. Vieles ist für mich bis heute unverständlich. Großvater und einer meiner Onkel, der noch bei uns im Haus lebte, mussten den Hof verlassen. Sie wurden nach Sibirien zwangsumgesiedelt. Wir haben sie niemals wiedergesehen. Sie seien dort gestorben, hieß es später von offizieller Seite. Meinen Vater, den ältesten Sohn und Hoferben, holte man auch ab. Er wurde zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Warum? Das haben wir nie erfahren. Offenbar nur deshalb, weil er Großbauer war und Großbauern als solche liquidiert werden sollten. Lediglich die anderen Onkel, die inzwischen nicht mehr auf dem Hof des Großvaters arbeiteten und eigene, kleinere Höfe besaßen, konnten bleiben. Sie mussten in die Kolchose eintreten.

Wir, meine Großmutter, meine Mutter und wir drei Kinder - ich hatte damals noch zwei Brüder - mussten ebenfalls den Hof verlassen. Der Hof wurde zum Stützpunkt der Kolchose umgewandelt. Wir wurden nach Kirgisien in eine von Deutschen und Russen bewohnte Siedlung gebracht. Doch dort sind wir nur kurze Zeit geblieben. Heimlich sind wir weggegangen. Wir wollten wieder an die Wolga in die Nähe unseres Zuhauses. Ein Jahr fanden wir Zuflucht in einem von Russen bewohnten Dorf unweit von Stalingrad, dem heutigen Wolgograd. Wie meine Mutter das alles, die Flucht und dann die Aufnahme in den dortigen Kolchos, bewerkstelligt hat, ist mir ein Rätsel geblieben. Ich besuchte die russische Schule und lernte fließend Russisch sprechen.

1932 sind wir dann nach Georgien gegangen. Wir hatten dort Verwandte. Sie lebten in einem Gebiet, wo auch viele andere Deutschstämmige siedelten. Mit Hilfe der Verwandten war es für meine Mutter etwas leichter, uns durchzubringen. Wir hatten es dort besser als in der Kolchose bei Stalingrad. In größeren Abständen kam das Landkino zu uns ins Dorf. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir eines Tages unseren Vater im Kinojournal, einer Art Wochenschau, erblickten. Es wurde über die Fertigstellung eines Kanalabschnitts in Norden, der zur Wolga führte, berichtet. Vater war eine Schubkarre schiebend abgebildet. Ihm wurde als einem der Bestarbeiter der Leninorden an die Brust geheftet. Zwangsarbeit, nun Bestarbeiter und Träger des Leninordens. Wie passte dies alles zusammen? - Es vergingen einige Wochen, bis sich Vater meldete. Er wurde vorzeitig aus der Zwangsarbeit entlassen und durfte wieder nach Norka in unser Heimatdorf zurückkehren. Ihm wurde zwar noch für weitere fünf Jahre alle politischen Rechte als sowjetischer Staatsbürger aberkannt, doch das war hinzunehmen. Die Hauptsache war, wir hatten Vater wieder. Er ließ uns auch gleich zu sich kommen.

Das war 1935. In der ersten Zeit wohnten wir im Haus eines Onkels. Unser früheres Wohnhaus, wo sich der Kolchos eingerichtet hatte, war, nachdem man elektrische Beleuchtung eingebaut hatte, abgebrannt. Vater ging gleich daran, dort auf der gleichen Stelle für uns ein neues Haus zu bauen. Das war sehr schwierig. Es gab damals wenig Baumaterial und wir hatten nur wenig Geld. Doch Vater hatte goldene Hände. Irgendwie schaffte er es. Doch das Schicksal stellte sich erneut gegen uns. Wir hatten uns gerade im neu erbauten Haus richtig eingerichtet, da kam im August 1941 der Befehl zur Deportation. Wieder mussten wir alles im Stich lassen. Wir kamen nach Sibirien ins Altai-Gebiet. In dem uns zugewiesenen russischen Dorf wurden wir zunächst nicht freundlich aufgenommen. Die einheimischen Familien mussten Zimmer freimachen. Auch für sie bedeutete die Aufnahme von Fremden eine nicht geringe Last. Später jedoch durch unsere gemeinsame Arbeit im Kolchos änderte sich das Verhältnis. Wir wurden akzeptiert und hatten keine Probleme mehr im Zusammenleben.

Heinrich W.: Ende 1941 rief man mich mit den anderen arbeitsfähigen Deutschen zur Musterung für den Arbeitsdienst in die Rayonstadt. Entsprechend dem körperlichen Zustand wurden wir zugeordnet, die meisten von uns kamen zum Holzeinschlag oder in Bergwerke nach Sibirien. Ich kam zum Holzeinschlag in den Wald. Am 31. Januar 1942 war der Abtransport. Es herrschte bittere Kälte, vor allem der eisige Wind machte uns zu schaffen. Die Güterwaggons boten zwar Schutz vor dem Wind, nicht aber vor der Kälte. Die kleinen Öfen in den Waggons wärmten unzureichend. Wir wechselten in einem bestimmten Rhythmus die Plätze am Ofen. Nach Tagen der Fahrt erreichte der Zug das Gebiet von Swerdlowsk. Auf einer Seitenstrecke, in die wir abgebogen waren, hörten plötzlich die Gleise auf. Wir mussten den Zug verlassen und die restlichen 90 km bis zum Lager zu Fuß zurücklegen. Es war schwer, im hohen Schnee voranzukommen. Trotzdem mussten wir jeden Tag 30 km schaffen. Die Nächte verbrachten wir in kleinen Siedlungen. Die wenigen Räume waren voller Menschen. Die Sanitäter hatten viel zu tun, um die Erkrankten zu versorgen. Viele hatten sich die Füße aufgerieben. Es gab Erfrierungen. Nur einige, nur die, die es am ärgstens erwischt hatte, fanden einen Platz auf einem der wenigen Schlitten, die die endlose Marschkolonne begleiteten.

Das Arbeitslager, in das wir eingewiesen wurden, befand sich in der Nähe der kleinen Ortschaft Bakaruka. Dort war ein Strafgefangenenlager. Es war extra für uns freigemacht worden. Es war anzunehmen, dass die Strafgefangenen weiter nach Osten oder in den hohen Norden gebracht worden waren. Auch jetzt war das Lager mit einem Stacheldrahtzaun umgeben und wurde militärisch bewacht. Im Lager befanden sich etwa 1 000 Mann. Man brachte uns in Blockhütten unter. In den Räumen schliefen immer 100 Leute, auf dreistöckigen Pritschen, die dicht nebeneinander standen.

Zeit für eine Erholung von dem langen Marsch blieb kaum. Wir wurden in Brigaden zu 30 Mann eingeteilt und drei Tage lang unterwiesen, wie man Bäume fällt, sie entastet, Stämme schneidet und sie zum Fluss hinunter abtransportiert. Wir erhielten Arbeitssachen, Steppjacken und -hosen sowie warme Stiefel. Zuerst war die Arbeit für alle außerordentlich schwer. Wir mussten uns zu Beginn schon sehr anstrengen, um die Tagesnorm zu schaffen. Die meisten von uns hatten bis dahin nichts mit Holzfällen zu tun gehabt.

Holzlager in Westsibirien

Doch wer körperliche Arbeit gewohnt und gesund war, fuchste sich bald ein und hatte dann auch keine Schwierigkeiten mehr, die Tagesnorm zu schaffen. Anders war es für diejenigen unter uns, die aus der Verwaltungsarbeit kamen, schon älter oder kränklich waren. Sie schafften die Norm nicht. Das hatte zur Konsequenz, dass ihnen weniger Nahrung zugeteilt wurde. Sie wurden noch schwächer oder mussten auf die Krankenstation. Es gab Krankschreibungen und Arbeitsbefreiungen. Die medizinische Versorgung war schlecht, sie entsprach der allgemeinen Kriegssituation. Es gab nur wenige Medikamente. Das Hauptproblem bestand jedoch in der schlechten, schwer verdaulichen und vitaminarmen Nahrung. Wer ernsthaft krank wurde, hatte dann bei dieser Ernährung wenig Chancen, wieder zu genesen. Wir machten zwar im Lager einen "Teeaufguss" aus Kiefernnadeln und Birkenrispen. Große Bottiche standen damit in den Unterkünften. Doch diese Art von Vitamingewinnung reichte keineswegs aus. Besonders im ersten Jahr unseres Aufenthaltes im Lager starben viele.

Unser Arbeitstag begann um sechs Uhr früh. Nach dem Frühstück und dem Appell, wo die Anwesenheit eines jeden festgestellt wurde, verließen wir um sieben Uhr das Lager. Außerhalb des Lagers wurden wir nicht militärisch bewacht. Im Winter war es um diese Zeit immer noch finster und natürlich sehr kalt.

Wir machten uns ein Lagerfeuer, bevor es mit der Arbeit losging. In den Wintermonaten begossen wir die zum Fluss führenden Wege mit Wasser und leiteten die Baumstämme auf den so entstandenen "Eisbahnen" hinunter. Im Sommer hatten die Pferdegespanne dann sich mehr beim Ziehen des Holzes anzustrengen. Im Fluss wurden die Baumstämme zu Flößen zusammengebunden und in die weit entfernten Sägemühlen geflößt. Das Mittagessen brachte man uns in den Wald. Später, als wir die Arbeit schon gut beherrschten, hatten wir manchmal schon am frühen Nachmittag die Norm erfüllt. Wir sammelten dann im Sommer und Herbst Beeren und Pilze. Wir und diejenigen, die für unsere allgemeine Versorgung zuständig waren, gingen auch auf die Jagd und erlegten Wild. So hatten wir ein bisschen Fleisch. Zu Beginn mussten wir geschlossen in der Brigade zurück ins Lager. Die Zeit für solche individuellen Unternehmungen war begrenzt. Später zum Kriegsende hin wurde das Regime lockerer. Wir durften länger bleiben und einzeln am Abend ins Lager zurückkommen. Die Möglichkeit, uns mit Essbarem, besonders mit vitaminreichen Dingen aus dem Wald zu versorgen, hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich die Zeit der Trudarmee gesundheitlich gut überstanden habe.

Generell muss ich feststellen: Gewiss, die Zeit in der Trudarmee und später auch die Zeit der Kommandantur war für mich und die anderen sehr schwer. Doch die Kriegs- und Nachkriegszeit waren auch für die Russen und die Leute anderer Nationalität schwer, für die an der Front und für die im Hinterland gleichermaßen. Das darf man, so meine ich, nicht vergessen, wenn man über das Leid und die Entbehrungen spricht, die uns, der deutschstämmigen Bevölkerung, damals widerfahren sind. Ich wurde im Arbeitslager in Bakaruka nicht unmenschlich behandelt. Auch das gehört zur Wahrheit, das will ich nicht verschweigen.

Maria W.: Ich wurde ein Jahr später, am 31. Januar 1943, ins Arbeitslager eingezogen. Wie gesagt, das Frauenlager befand sich in der Nähe des Lagers, in dem sich Heinrich befand. Das Regime im Frauenlager ähnelte dem im Männerlager. Heinrich hat darüber schon erzählt. Doch bei uns gab es keine militärische Bewachung. Wir Frauen mussten im Prinzip die gleiche Arbeit wie die Männer machen. Auch Bäume fällen, sie entasten und die Stämme hinunter zum Fluss schaffen. Ich hatte es vor allem mit dem Abtransport der Stämme zu tun. Die ganze Zeit über war ich als Gespannführerin eingesetzt. Heute kann ich mir nur schwer vorstellen, wie die anderen Frauen und ich diese schwere Arbeit durchgehalten haben. Ich sehe mich noch, wie ich abends mit den Pferden ins Lager kam. Auf dem Watteanzug war blankes Eis, in den Filzstiefeln Wasser. Der schmelzende Schnee hatte die Kleidung tagsüber durchnässt. Am Abend, als es dann wieder sehr kalt wurde, gefror der Anzug zu einem Eisblock.

Mein erster Weg nach Arbeitsschluss führte mich dann fast regelmäßig in die Banja. Im Badetrog tat es gut, plötzlich vom warmen Wasser umgeben zu sein. Die Lebensgeister erwachten wieder. Mit mir im Lager befand sich auch eine meiner Tanten. Sie arbeitete in der Versorgungsabteilung. Da gab es zuweilen ein Stück Brot oder Fleisch extra. Für die harte Arbeit draußen im Wald und am Fluss war das zweifellos ein Glücksfall, der das Leben erleichterte.

Mit Kriegsende, als wir uns gerade kennen gelernt hatten, hörte der Status der beiden Lager als Arbeitslager auf. Die Frauen wurden an andere Orte geschickt, wo sie arbeitsverpflichtet waren. Die meisten Männer blieben. Es war von ihnen die gleiche Arbeit wie vorher zu leisten. Sie wohnten wenigsten noch für eine Weile im gleichen Lager. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass nun Lohn gezahlt wurde und etwas gekauft werden konnte. Da wir, Heinrich und ich, nicht verheiratet waren, durfte ich nicht bleiben. Bei Waldarbeiten in Sibirien Man beorderte mich in ein Goldbergwerk unweit von Magnetogorsk. Ich arbeitete als Signalgeberin beim Grubentransport. Dort wollte ich aber auf keinen Fall bleiben. Ich wollte zurück zu Heinrich. Den Arbeitern in der Grube war es erlaubt, Goldstaub zu sammeln. Diesen verkauften wir dann an die Verwaltung. So kam ich zu dem Geld, das ich brauchte, um aus der Goldgrube abzuhauen und mich auf den langen Weg nach Bakaruka zu machen.
waldarbeit

Für einige Rubel nahm mich ein Lkw-Fahrer mit nach Magnitogorsk. Von dort fuhr ich mit dem Zug. Bei Tscheljabinsk musste ich umsteigen. Es war schon am späten Abend, als mich die Bahnpolizei im Wartesaal aufgriff. Ich hatte keine Papiere und verschwieg, wer ich sei und wohin ich wolle. Man hielt mich zwei Tage fest, dann wurde ich dem Untersuchungsrichter vorgeführt, einem gerade aus dem Krieg zurückgekehrten Offizier. Am rechten Arm war er verwundet, er trug den Arm in einer Schlinge. Er machte mir klar, dass er mit mir machen könne, was er wolle. Er könnte mich rechtmäßig zu bis zu fünf Jahren Gefängnis verurteilen. Erst angesichts dessen sagte ich ihm, wer ich sei und was ich vorhabe. Er schaute mich eine Weile an und sagte dann: "Ich will nicht dein Leben versauen, Mädchen. Ich lasse dich laufen. Schwamm über die ganze Sache." Er schickte mich in die Kantine zum Essen. Später erklärte er mir noch, wie ich ohne größere Schwierigkeiten nach Bakaruka komme. Ich musste 14 km durch den Wald zur anderen Eisenbahnstrecke laufen, von wo aus Güterzüge in das Gebiet von Bakaruka abfuhren. Für 30 Rubel würde mich ein Lokführer bestimmt mitnehmen. Und das habe ich dann auch gemacht. Nach einer Woche bin ich über einige Zwischenstationen schließlich bei Heinrich glücklich angekommen.

Dort hatte man schon nach mir gefahndet. Auch später auf Anfragen hin verschwieg die Verwaltung meine Anwesenheit. Ich besaß keine Karte, die zum Kauf von Nahrungsmitteln berechtigte. Der Ortssowjet von Sankinja löste das Problem ohne viel Aufhebens. Ich wurde einfach in die Liste der Bewohner eingetragen und erhielt die erforderliche Karte. Gearbeitet habe ich in dem gleichen Betrieb, in dem Heinrich als Flößer arbeitete. Ich kümmerte mich im Stall um die Pferde, die zum Holztransport benötigt wurden.

Heinrich W.: 1949 sind wir nach Zapan übergesiedelt, in einen Ort in der Nähe der Stadt Tawda an dem gleichnamigen Fluss. Auf der Tawda, die in den Irtysch mündet, wurde im großen Stil geflößt. Schlepper zogen die Holzberge zu bestimmten Orten, wo das Holz verarbeitet wurde. Wir sind in Zapan bis 1966 geblieben. Dort wurden unsere beiden Töchter geboren.
Neulandsiedlung in Kasachstan

Und während dieser Zeit habe ich auch ein Fernstudium in Moskau als Maschinist absolviert, d. h., ich konnte doch noch meinen alten Traum beruflich verwirklichen. Mir hat die Arbeit beim Holzflößen gefallen. Als Hauptmaschinist hatte ich eine verantwortliche Position. Das einzige Problem bestand in Sibirien darin, dass die Kinder vor Ort keine höhere Schule besuchen konnten. In ein weit entferntes Internat wollten wir sie nicht geben. Das war letztlich dann auch der Grund für unsere Entscheidung, 1966 nach Kasachstan zu gehen. Ich habe dort bis zu meinem Rentenalter 1984 im Shombulski Gebiet in einem zentralen Transportunternehmen gearbeitet. Mir unterstanden über 100 Lkws, die im ganzen Gebiet hauptsächlich zum Einbringen der Ernte eingesetzt wurden.

Maria W.: Ich will noch hinzufügen: Auch im Rentenalter war Heinrich dort noch tätig, in der Erntezeit, wenn man sich vor Arbeit nicht retten konnte, hat er noch einige Stunden am Tag geschafft. Etwa drei Jahre lang, wenn ich mich nicht irre.

Ich habe bis 1978 in der Kolchose gearbeitet. Nicht das ganze Jahr über, nur zu bestimmten Zeiten, hauptsächlich im Sommer und Herbst.

1992 sind unsere beiden Töchter mit ihren Familien nach Deutschland übergesiedelt. Was sollten wir tun? Allein ohne unsere Kinder im Alter sein? Nein, das wollten wir nicht. Deshalb sind Heinrich und ich 1994 auch nach Deutschland gekommen.
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