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Auszüge aus einem Artikel von A.E. Losickij

In 23 Gouvernements setzte sich die Tagesration eines erwachsenen Essers durchschnittlich aus 46 Gramm Fett, 69 Gramm Eiweiß und 290 Gramm Kohlehydraten zusammen, was gegenüber einer gleich 100 gesetzten normalen Ration (November 1920) 90 % der Normalration bei Fett, 60 % bei Eiweiß und nur 46 % bei Kohlehydrahten ausmacht.

Umfang der Getreideverpflegung. Der Konsum von Getreidelebensmitteln war äußerst gering. Nach Abzug der Nichtgetreidesurrogate, deren Anteil an den Getreidebackwaren sich in den meisten Gouvernements zwischen 55 % und 75 % bewegte, betrug der Verbrauch an Getreidelebensmitteln, umgerechnet auf Getreide je Person und Jahr, in den vor der Mißernte betroffenen Uezdy der aufgeführten Gouvernements (nach den Daten für die zehn Monate von der Einbringung der Ernte bis zum Zeitpunkt der Untersuchung) durchschnittlich 5,43 Pud (davon wurden 5,05 Pud zur Mehl- und 0,38 Pud zur Grützeherstellung verwendet). Außerdem wurden pro Kopf 4,9 Pud Hackfrüchte im Jahr verbraucht, d.h. 0,98 Pud umgerechnet, insgesamt auf Getreide umgerechnet 6,41 Pud.

Dieser Wert beträgt 36 – 38 % des Verbrauchs in normaler Zeit (November 1920), der gleich 14,91 Pud Getreide war, das für die Mehl- und Grützeherstellung verwendet wurde, einschließlich Kartoffeln ergeben sich hier auf Getreide umgerechnet 16,83 Pud. (...)

Der Sommerverbrauch (im Juni) an Getreidelebensmitteln lag, da alle Vorräte erschöpft waren, noch unter den Zahlen für den durchschnittlichen Jahresverbrauch.

Die Sommerdaten für eine Woche zeigen einen Rückgang des Verbrauchs an Getreidelebensmitteln (aufs Jahr umgerechnet) auf 5,6 bzw. 5,1 Pud im Gouvernement Saratow und auf der Krim; in den Oblasti Marijskaja und C(uvaškaja, den Gouvernements Ekaterinburg und Ekaterinoslav und im Dongebiet beträgt er 4 5 Pud; in der Tatarischen Republik und im Gouvernement Simbirsk sinkt er auf 3 ¾ bzw. 3 ¼ Pud; im Gouvernement Perm auf 3 Pud; in den Gouvernements C(eljabinsk, Tjumen und Voronež auf 2 ¾ bzw. 2 ½ Pud; in den Gouvernements Samara, Stavropol, Kustanaj, Votskij, Nižnij Novgorod und in Baschkirien schwankt er zwischen 2 und 2,3 Pud. Einschließlich Kartoffeln (auf Getreide umgerechnet) lag der Verbrauch an Geteidelebensmitteln zwischen 2,2 Pud in den Gouvernements Samara und Stavropol und 5,6 bis 5,9 [Pud] auf der Krim und im Gouvernement Saratov, wobei der Kartoffelverbrauch auf Getreide umgerechnet 1 Pud in den Oblasti Marijskaja und C(uvaškaja und 3 Pud im Gouvernement Nižnij Novgorod erreichte.

Diese Daten zeigen, daß in den getreidereichen Gebieten, die bei einer zufriedenstellenden Ernte an die 20 Pud Getreidelebensmittel je Person verbrauchten, der Verbrauch im Sommer auf 2 Pud je Person fiel, was belegt, daß die Getreidevorräte völlig erschöpft waren. (...)

Sterblichkeit der Bevölkerung. Das genannte Verbrauchsvolumen für Getreide und andere Lebensmittel war auch für eine nur die nackte Existenz erhaltende Ernährung absolut unzureichend, und bei dieser Ernährungslage stiegen Erkrankungs- und Sterberate in katastrophalem Ausmaß.(...)

Wo möglich , sind die Zahlen der vorstehenden Tabelle nach der Gruppenzusammensetzung der Höfe berichtigt, wie sie für die Gesamtheit der Höfe in den untersuchten Siedlungen charakteristisch ist. Betonen wir noch, daß nur Wirtschaften untersucht wurden, die in der betreffenden Gegend seit mindestens drei Jahren existierten und während dieser Zeit weder geteilt noch mit anderen zusammengelegt wurden. Diese Regel war methodologisch wichtig, um eine korrekte Erfassung von Geburten- und Sterberate zu gewährleisten.

Die Sterberate war in den aufgezählten Gouvernements im Jahr 1921/22 extrem hoch, sie war zwei-, drei-, vier- und fünfmal so hoch wie der Normalwert und betrug für die gesamte untersuchte Bevölkerung 18 %. Die Zahlen lägen noch höher, wenn Familien, bei denen sämtliche Mitglieder gestorben waren, berücksichtigt worden wären; diese konnten freilich nicht in der Untersuchung erfaßt werden. Aber auch ohne diese Korrekturen ist die Sterberate gewaltig und liegt weit über den offiziellen Angaben der Personenstandsregister.

Die Zahl der Todesfälle im Hungerjahr liegt in den von der Mißernte betroffenen Gebieten erheblich über der Geburtenzahl. Die Bevölkerung nahm in diesen Gebieten in einem Jahr um 2, 5, ja 10 % ab. In den Gruppen ohne Aussaat und mit geringer Saatfläche lag die Sterberate beträchtlich über dem Durchschnitt, wie die Angaben für einige Gouvernements zeigen. (...)

Quelle: Losickij, A.E., Pitanie selskochozjajstvennogo naselenija v neurožajnych mestnostjachin: Selskoe chozjajstvo na putjach vosstanovlenija, Moskau 1925, S. 853-881, (Auszüge S. 866, 870-872).
Gedruckt in: Sowjetmacht und Bauern. Dokumente zur Agrarpolitik und zur Entwicklung der Landwirtschaft während des "Kriegskommunismus" und der Neuen Ökonomischen Politik, hrsg. v. Stephan Merl
Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen, Reihe I = Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens, Bd. 191), Berlin 1993, S. 135-139

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