Geschichte der Russlanddeutschen

Auswanderung der Deutschen

Teil II 1820 - 1917

3 "Deutsche Frage" und Lösungswege

3.5 Ausbruch des Ersten Weltkrieges

3.5.2 Pressekampagne

3.5.2.1 "Kampf gegen die deutsche Vorherrschaft"

3.5.2.1.1 Wahrnehmung der deutschen Mitbürger durch die russische Bevölkerung

Unter den 1,5 Millionen Einwohnern Moskaus befanden sich nach den Ergebnissen der Zählung der Stadtbevölkerung im Jahre 1912 28.500 Bürger, die Deutsch als ihre Muttersprache angaben. Die Deutschen stellten nach den Russen, Ukrainern und Weißrussen die zweitgrößte ethnische Gruppe in Moskau.

Die Deutschen nahmen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen festen Platz in der Moskauer Geschäftswelt ein und übertrafen in ihrer zahlenmäßigen Größe und ihrem Einfluss alle anderen Vertreter westeuropäischer Staaten.

Deutsche spielten unter anderem in der chemischen Industrie, im Maschinenbau und in der Elektrotechnik eine führende Rolle, sie handelten mit Baumwolle, Stoffen, Tee und Kolonialwaren. Außerdem waren sie im Finanzbereich aktiv.

Die auf ein Freund-Feind-Schema reduzierte Wahrnehmung ihrer deutschen Mitbürger spiegelte sich in anonymen Briefen Moskauer Bürger wider, die an führende Repräsentanten der Stadt adressiert waren.

In einem solchen Brief an den Oberkommandierenden des Moskauer Militärbezirks Fürst Felix Jussopow hieß es:

   "Es wird Unruhen geben, weil uns die deutsch-russische Regierung selbst dazu treibt. Seit einem Jahr schon wartet das Volk darauf, daß man die Deutschen verjagt und aus verantwortlichen Verwaltungspositionen entfernt, aber in diesem ganzen Jahr ist nichts dergleichen geschehen. Und das Volk fordert dies und ist durch seinen Eid dazu verpflichtet, dies zu fordern und die Verräter zu töten. Solange keine Duma aus Vertretern des Volkes einberufen wird, werden wir alles zerschlagen, was uns an der Spitze der russischen Führung an Deutschen begegnet. Man muss sich vorstellen: Die Führer der Militärbezirke sind Deutsche, die Leiter der Eisenbahn sind Deutsche - wohin man auch schaut, überall Deutsche, und das russische Volk sitzt für 75 Kopeken im Monat in den Schützengräben in vorderster Front..."

Der Brief steht in einer Reihe von Äußerungen Moskauer "Patriotischer Organisationen", die auf der Suche nach den Verantwortlichen für die schwierige wirtschaftliche und militärische Lage Russlands im Allgemeinen und Moskaus im Besonderen (Preissteigerungen und wirtschaftlicher Verfall im Ergebnis der ersten Niederlagen der russischen Armee im Frühjahr 1915) waren und diese in den Juden, Polen und Deutschen gefunden zu haben glaubten. Die Lösung aller Probleme sahen sie in der Vertreibung dieser Gruppen aus Russland und damit auch aus Moskau.

Dergleichen forderte der anonyme Verfasser eines "Offenen Briefes" an das Moskauer Stadtoberhaupt Tschelnokow:
  "Um den Krieg gegen die Deutschen zu einem erfolgreichen Ende zu führen, muß man das Hinterland tatsächlich nicht nur von Deutschen, sondern auch von ihren Kampfgefährten in Moskau, Kiew, Petrograd und anderen Städten ...säubern."
 
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