3. "Deutsche Frage" und Lösungswege
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Russland die Ergebnisse der Kolonisationspolitik in der russischen Öffentlichkeit kritisch diskutiert. Dabei stand zunächst eine nüchterne Analyse darüber im Vordergrund, ob und wie die deutschen Kolonisten die von ihnen erwartete
Vorbildwirkung 
gegenüber ihren russischen Nachbarn erfüllt und als
Musterwirte 
gewirkt hatten.
Der rationale Aspekt der Diskussion wurde seit den 70er Jahren immer stärker durch
emotional-nationalistische Tendenzen 
verdrängt, die vor allem in den westlichen Grenzgebieten zu einer aggressiven
Russifizierungspolitik 
gegenüber den deutschen Kolonisten führte. Diese Entwicklung wurde durch die Gründung des Deutschen Reiches 1871 und dessen Außenpolitik in zunehmendem Maße negativ beeinflusst.
In der Diskussion um die so genannte "deutsche Frage" spielte der wachsende
Grundbesitz 
der deutschen Kolonisten eine wichtige Rolle. In der nationalistischen Propaganda wurde den Russlanddeutschen eine "friedliche Eroberung" bzw. eine
"Germanisierung" 
russischer Gebiete unterstellt. In der russischen Bevölkerung wurden Ängste vor einer weiteren Expansion der deutschen Kolonien geschürt.
Die 1885/86 von der deutschen Regierung verfügte Ausweisung russischer Untertanen war deshalb für die russische Regierung ein willkommener Anlass für die Verabschiedung eines
Fremdengesetzes 
. Dieses Gesetz löste vor allem unter den in Wolhynien lebenden Russlanddeutschen eine
Auswanderungsbewegung 
aus.
Der
Ausbruch des Ersten Weltkrieges 
führte zu einer Verschärfung der gegen die Russlanddeutschen gerichteten Politik. Trotz der
loyalen Haltung 
der Kolonisten gegenüber dem Russischen Reich wurde eine Reihe von gegen die Russlanddeutschen gerichteten Maßnahmen ergriffen.
Die
russlanddeutschen Soldaten 
wurden von der Westfront abgezogen und in den Kämpfen gegen die Türkei eingesetzt. Den Höhepunkt dieser von einer nationalistisch geprägten
Pressekampagne 
beförderten Entwicklung, in deren Verlauf es auch zu antideutschen
Pogromen 
kam, stellten aber die 1915 in Kraft gesetzten
Liquidationsgesetze 
dar.
Der in Folge des Krieges radikaler werdende Panslawismus und russische Chauvinismus stellte schließlich das Existenzrecht aller deutschen Kolonien in Russland in Frage. Die Umsetzung des Gesetzes vom 2. Januar 1917 über die Auflösung der Wolgakolonien und die Deportation der deutschen Bevölkerung wurde durch die Februarrevolution verhindert.